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Die Palimpsesthandschrift UBG 2058/2

Es ist gar nicht so selten, daß man in alten Bibliotheken und Sammlungen auch Stücke findet, die zweimal oder gar öfter beschrieben worden sind. Immer schon hat man Texte, die aus irgendeinem Grunde nicht mehr gebraucht wurden, von den Schriftträgern gelöscht, häufig durch Radieren, Abwaschen oder Abschaben (= Palimpsest). Der Schriftträger – zumeist war es das dauerhafte aber teure Pergament – wurde dann wiederverwendet. Diese Praxis kann man getrost als antikes Recycling bezeichnen.

In der Handschriftensammlung der Grazer Universitätsbibliothek wird ein Buch aufbewahrt, das zur Gänze palimpsestiert ist. Es wurde wahrscheinlich im Katharinenkloster am Sinai um das 8./9. Jahrhundert in seine heutige Form gebracht. Dabei löschte man den Ersttext, der in einer schönen und ebenmäßigen armenischen Majuskel geschrieben war. Danach wurden die einzelnen Pergamentblätter mit dem Text der biblischen Psalmen auf Georgisch wiederbeschrieben. Die Lektüre des entfernten Ersttextes erwies sich naturgemäß als schwierig. Es konnten aber vier Fünftel (etwas mehr als 80 %) des ursprünglichen Textes als blasse Schrift noch gelesen werden. Die Arbeiten waren mühselig, langwierig und für die Augen sehr belastend (alles mußte unter der UV-Lampe gelesen werden). Eine erste Autopsie hatte ich im Jahre 2003 begonnen. Die Rekonstruktion des gesamten Buches (279 beidseitig palimpsestierte Blätter) gelang sukzessive in den folgenden Jahren. Die Publikation des Erarbeiteten erfolgte schließlich im Juli 2015.

Die Arbeiten haben sich indes gelohnt. Das einst getilgte Buch ist der Gattung „Los-Buch“ zugehörig. Es hat einen horoskopähnlichen Zweck und dient im wesentlichen der Vergewisserung von Entscheidungen. Solche Bücher waren bereits in der Antike in Gebrauch. Wir kennen Zeugnisse aus der lateinischen, griechischen, syrischen, und koptischen Tradition. Mit der nun vorgelegten Edition liegt erstmals ein Zeuge aus der armenischen Tradition dieses Stoffes vor.

Veröffentlichung: Erich Renhart, Ein spätantikes Los-Buch. Die Handschrift 2058/2 der Universitätsbibliothek Graz – ein armenisches Palimpsest. Uni Press Graz, Graz 2015, 170 S. ISBN 978-3-902666-36-9

Ausführender: Erich Renhart

 

VESTIGIA Manuscript Research Centre

Leitung: Univ.-Prof. Dr.

Erich Renhart

Heinrichstrasse 78A/II
A - 8010 GRAZ


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Birgit Roth

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